Handball für alle: Trainer im Interview

 

 

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Das Lübecker Jugendprojekt „Handball für alle“ bietet Kindern ab zehn Jahren mit und ohne Handicap die Chance, gemeinsam zu trainieren und das Handballspielen zu erlernen. Für die Trainer ist das keine leichte Aufgabe, doch Silke Andresen und Harro Naujeck sind mit Engagement und Spaß dabei – und bringen viel Erfahrung mit. Andresen ist Heilpädagogin und lizensierte Handballtrainieren, sie hat 14 Jahre lang eine betreute, integrative Grundschule geleitet. Naujeck ist begeisterter Handballer beim TuS Lübeck 93 und Lehrer an der inklusiv arbeitenden Geschwister-Prenski-Schule. Mit ihrem Projekt, das vom Handballverband Schleswig-Holstein initiiert wurde, nehmen sie eine Vorreiterrolle ein. Doch wie bringt man einem Kind mit geistiger- oder körperlicher Behinderung das Handballspielen bei? Welche besonderen Herausforderungen stellt das Training? Wie wichtig ist das Thema Inklusion für alle Handballvereine? Das Trainer-Duo stand in einem Doppel-Interview Rede und Antw

 

Die Schnupperphase des Projektes „Handball für alle“ war sehr erfolgreich, bis zu 20 Kinder waren bei den drei Probeeinheiten im Juni mit dabei. Hätten Sie vorher damit gerechnet, dass das Projekt so einschlägt?

Silke Andresen (53): Nein, das hätte ich nicht gedacht. Ich habe ungefähr mit zehn Teilnehmern geplant, denn bei mir hatten sich einige vorher angemeldet. Harro hat sogar mit noch weniger Kindern gerechnet. Das sagtest du zumindest…

Harro Naujeck (37):Das stimmt. Ich bekam im Vorfeld wenig Feedback und deshalb drei bis fünf Kinder erwartet. Umso schöner ist es natürlich, dass wir dann doch so viele – und vor allem begeisterte – Kinder dabei hatten.

Was für Rückmeldungen haben Sie von den Eltern bekommen?

Naujeck:Ich habe durchweg positive Stimmen gehört. Die Eltern waren ziemlich zufrieden – und dabei sowohl die von den Kindern mit Handicap als auch gerade von denen ohne Handicap. Das freut mich sehr, denn ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir diese beiden Gruppen, die einen so unterschiedlichen Entwicklungsstand haben, so schnell zusammenführen können.

Andresen: Ich habe gar nicht viel mit Eltern gesprochen. Doch schon an ihrer Reaktion – dass sie nämlich ruhig auf der Bank an der Seite sitzen geblieben sind, anstatt immer wieder aufs Feld zu stürmen – zeigt mir, dass sie uns vertrauen. Es ist eine normale Reaktion von Eltern, dass sie unter „Strom“ stehen, einschreiten und sagen wollen: „Das kann mein Kind aber nicht“, aber dass haben sie nicht gemacht. Dabei wussten wir vorher wirklich nicht, wie viel die Kinder können; das mussten wir alles im Training lernen und in Erfahrung bringen.

Wie sind Sie mit diesen großen Leistungsunterschieden umgegangen?

Andresen:Ich kenne das, da ich beruflich und im Handballsport bereits mit beiden Gruppen gearbeitet habe. Es ist in einer gemeinsamen Gruppe aber sehr viel anstrengender als in getrennten Gruppen. Außerdem ist es ein Vorteil, dass wir sie nicht auf Punktspiele vorbereiten müssen, sondern „nur“ den Spaß am Handball und der Bewegung fördern müssen. Wenn sie handballerisch nicht so weit kommen, ist es auch in Ordnung. Wir haben keinen Druck.

Naujeck:Wir haben trotz der Unterschiede einfach die Gemeinsamkeiten gesucht und diese liegen eben beim Spaß und an der Bewegung mit dem Ball. Ich habe das Gefühl, dass dieses Konzept bisher ganz gut aufging – und das trotz der immensen Leistungsunterschiede. Das ist für mich schon etwas Besonderes.

Andresen:Vor allem ist das Sozialverhalten ein anderes, die Kinder nehmen mehr Rücksicht. Ein Beispiel: Wir haben „Abticken mit dem Ball“ gespielt – und zwischendurch habe ich „Stopp“ gerufen, alle mussten stehenbleiben, damit auch die leistungsschwächeren Kinder eine Chance hatten, jemanden zu erwischen. Das haben alle akzeptiert. Bei der Mädchenmannschaft, die ich in meinem Heimatverein trainiere, hätten sich alle beschwert, wie ungerecht das wäre. Doch bei uns kommen einfach alle auf ihre Kosten – wenn da zum Beispiel so ein Torwart wie Benni [gemeint ist Benjamin Müller, Projekt-Pate der ersten Herren des TuS Lübeck 93] hin und herspringt, finden es einfach alle phänomenal.

Doch trotzdem versuchen Sie ja, die Kinder zu fordern – indem Sie die Anforderungen variieren und auch mal schwerere Übungen einbauen. Teilen Sie die Gruppe in solchen Situationen, um kein Kind zu überfordern?

Andresen:Klar, wir teilen auch mal, sodass die Schwächeren bei mir sind und die Stärkeren bei Harro. Es kommt einfach darauf an, was wir mit der Übung erreichen wollen. Doch bei Spielen teilen wir extra gemischte Mannschaften ein. Denn wenn wir nur getrennt trainieren würden, wäre es nicht mehr integrativ.

Naujeck:Wir müssen dabei aber immer auf die unterschiedlichen Voraussetzungen achten, auf die unterschiedlichen Handicaps eben. Gerade die koordinativen Unterschiede sind sehr groß. Und die Wettbewerbssituationen, von denen ein Training auch manchmal lebt, dürfen auf keinen Fall dazu führen, dass ein Kind ausgegrenzt wird. 

Andresen:Ein wichtiger Teil der Trainings ist es auch, dass die Kinder ohne Handicap den Umgang mit den gehandicapten Kindern lernen. Das kennen sie sonst nicht. Sie müssen den Ball manchmal ganz vorsichtig zuspielen, Harro dagegen können sie „abballern“. Das zu unterscheiden müssen sie lernen.

Herr Naujeck, was ist der größte Unterschied zwischen Ihrer Männermannschaft, die Sie zusammen mit Daniel Friedrichs trainieren und den Trainingseinheiten mit der „Handball für alle“-Gruppe?

Naujeck:Bei der Arbeit mit den Kids, steht die allgemeine Motorik im Vordergrund. Spieltaktische Situationen werden wir wohl nicht abbilden. Der Leistungsgedanken, den es bei meiner Männermannschaft gibt, der auch zu Konkurrenzsituationen führen kann, ist nicht da. Doch natürlich wollen wir auch mit den Kindern etwas erreichen, wir wollen sie ja alle fördern und fordern, aber das mit einem ganz hohen Spaßfaktor.

Wie reagieren die Leute auf Ihr Projekt – wenn Sie jemandem davon erzählen, der die Idee noch nicht kennt?

Andresen: Die Leute finden es ganz toll. Gerade bei mir im Verein werde ich natürlich angesprochen, es haben auch viele die Zeitungsartikel gelesen. Doch alle fragen immer wieder: „Wie geht das?“ Wie kann man mit Kindern mit Handicap Handball spielen? Die haben keine Vorstellung davon. Ich sage dann immer: „Klar, es sind auch geistig behinderte Kinder, die nicht alles umsetzen, dabei; auch ein Kind mit Down-Syndrom. Es sind eben ganz verschiedene Handicaps. Aber alle rennen dem Ball hinterher und haben Spaß.“ Ein solches Angebot gibt es sonst auch in keinem Verein. Die Kinder mit Handicap sind überall abgelehnt worden, es gibt eben nur Behindertensport oder Sport für Kinder ohne Handicap. Aber solche gemischten Gruppen gibt es im Handball schon gar nicht.

Naujeck:Für viele Leute um mich herum ist es ein völlig neuer Gedanke. Doch ich erlebe die gemeinsame Arbeit von Kindern mit und ohne Handicap täglich an der Schule, da klappt es ja schließlich auch. Dadurch, dass wir zu zweit sind und mit der 1.Herren des TuS Lübeck 93 engagierte Paten dabei haben, können wir sehr differenziert arbeiten. Für unsere wöchentliche Arbeit ist diese Patenschaft so etwas wie ein weiterer Kooperationspartner, der viel erleichtert. Das ist einfach schön.

Wie ist die Idee für ein solch ungewöhnliches Projekt denn überhaupt entstanden?

Naujeck:Es war die Idee von Doris Birkenbach, der Vize-Präsidentin des HVSH. Ich bin auf einem Lehrgang mit ihr ins Gespräch gekommen. Sie fragte mich dann irgendwann, ob es nicht möglich sei, zwischen der Geschwister-Prenski-Schule und dem HVSH zu kooperieren, um eine solche Gruppe zu verwirklichen. Und dann stellte sie den Kontakt zu Silke her…

Andresen:Ich hatte schon länger davon geträumt, irgendwann einmal eine solche Gruppe zu gründen – und dann trat Doris mit dieser sehr konkreten Idee an mich heran. Sie hatte sich schon alles ausgemalt, schwärmte davon und da hab ich dann gesagt: „Okay, ich mach es.“ Der Ball ist einfach für alle Kinder ein tolles Element. Wenn ich einfach jedem Kind einen Ball in die Hand drücken würde und sage: „Werft Harro ab“, hätten sie einen Heidenspaß.

Naujeck:Ja, aber auch nur sie (lacht). Nein, im Ernst: Wir haben im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang eine große Verpflichtung zu erfüllen. Ich verbinde bei dieser Idee eine Leidenschaft, die ich lange und intensiv verfolge, mit dem Wunsch, etwas davon weiterzugeben. Und ich kriege mehr zurück, als ich dachte. Ich gehe freitags fröhlicher aus der Halle, als ich reingegangen bin, weil das Training einfach unheimlich viel Spaß macht.

Andresen:Die Kinder zeigen die Begeisterung sehr intensiv und ehrlich. Die drücken einen, umarmen einen, sie strahlen. Einige der Kinder wurden in normalen Mannschaften ausgemustert, weil sie zu schwach waren – und jetzt sind sie hier begeistert dabei und haben ein unheimlich soziales Engagement.

Naujeck:Aber wir haben eben auch einige sehr leistungsstarke Kinder dabei, auch aus anderen Vereinen. Wir arbeiten also nicht nur altersübergreifend und unabhängig vom Handicap, wenn es eines gibt, sondern auch geschlechterübergreifend und sogar vereinsübergreifend. Wir versuchen hier in Lübeck klarzumachen, dass es eigentlich nur um den Handball geht und nicht um Konkurrenzdenken.

Wie groß ist bei Ihnen die Freude auf den regulären Start im August?

Andresen:Ich freue mich sehr. Ich bin aber auch schon nervös, denn wenn Heiner Brand Ende August kommt, wollen wir natürlich eine besonders tolle Stunde machen. Auch, wenn einige Kinder ihn nicht kennen, ist es natürlich etwas Besonderes. Wenn mir im Moment eine gute Übung einfällt, schreibe ich sie auf. Ich habe schon überall Zettel rumfliegen.

Naujeck:Ich bin, was das angeht, völlig ruhig, weil ich nur das mache, was Silke mir sagt (lacht). Sie hat einfach mehr Erfahrung im Jugendbereich und hat schon viel mit gehandicapten Kindern gearbeitet. Da darf ich ein Stück weit noch etwas von ihr lernen. Wir ergänzen uns einfach super.

Wie soll die Stunde, die Heiner Brand begleiten wird, denn ablaufen?

Andresen:Im Moment favorisiere ich ein Training an verschiedenen Stationen. Er könnte dann zum Beispiel eine Station begleiten und hätte so alle Kinder einmal gesehen. Aber das sind nur Ideen, die genaue Planung werden wir in den nächsten Wochen gemeinsam vornehmen.

Naujeck:Wir sind letztendlich nur die Trainer. Alles, was den genauen Ablauf und die Besuche bei den Kooperationspartnern angeht, wird der HVSH in Absprache mit Herrn Brand festlegen.

Doch natürlich soll das Projekt auch nach dem Besuch von Heiner Brand weiterlaufen. Auf welchen Zeitraum ist es bisher ausgelegt?

Andresen:Im Moment steht die Planung für zwei Jahre. So lange ist auch die Finanzierung über den HVSH und den LSV abgedeckt. Wie es dann weitergeht, ist Sache von Doris und dem HVSH und den Kooperationspartnern. Wir werden aber natürlich sehen, wie wir dann dastehen, wie viele Kinder mitmachen.

Gibt es auch die Möglichkeit, eine zweite Gruppe einzurichten, wenn der Zulauf enorm sein sollte?

Naujeck:Darauf hoffen wir ja sogar. Das steht ein bisschen auch hinter dem Engagement vom HVSH. Letztendlich ist es ein Projekt, das andere Vereine anstiften soll, solche Gruppen einzurichten – oder eigene Ideen umzusetzen.

Andresen: Natürlich würden wir andere Vereine auch mit den Erfahrungen, die wir sammeln, beraten und unterstützen. Da spricht erst einmal nichts gegen.  Es können auch gerne Trainer oder andere Handballinteressierte vorbeikommen und bei uns hospitieren – auch gerne jeden Freitag. Und in zwei Jahren erscheint dann mein Buch mit einer entsprechenden Übungssammlung…(lacht)

Wie wichtig ist das Thema „Inklusion“ für Handballvereine? Bisher ist das Engagement in dieser Frage gering, Sie sind da Vorreiter.

Naujeck:Bei uns hat eine Dame des Bundesverbandes für Ganztagsschulen angerufen, die unser Projekt in die Liste aller inklusiven Angebote in Deutschland aufnehmen möchte. Das ist natürlich etwas Besonderes. Damit stoßen wir etwas an, an das wir gar nicht gedacht haben.

Andresen:Das hat zwar eher etwas mit Schulen zu tun, doch das ist ja auch eine Besonderheit unseres Projektes: Dass es zwar in Kooperation mit einer Schule angeboten wird, aber nicht nur für deren Schüler offen ist, sondern für alle.  

Glauben Sie, dass einige Verein Angst davor haben, eine solche Gruppe wie die Ihre anzubieten, weil sie denken, damit nicht fertig zu werden.

Andresen:Das ist gut möglich, aber dann brauchen sie ja nur bei uns vorbeizuschauen. Wir nehmen ihnen die Angst.

Naujeck:Vieles, was einem fremd ist, macht erst einmal Angst. Das ist in ganz vielen Lebenssituationen so. Doch davon darf man sich nicht in die Flucht schlagen lassen. Wenn jemand diese Herausforderung annehmen möchte, helfen wir gerne.

Andresen:Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Trainer, der noch nie mit gehandicapten Kindern gearbeitet hat, erst einmal Berührungsängste hat. Wir haben damit beide ja schon viel Erfahrung. Wenn er aber eine solche Stunde sieht, ist er geheilt. Ihm wird klar, was er erwarten kann und was nicht geht. Die Ziele, aus allen Kindern tolle Handballer zu machen oder alle auf einen Level bringen zu wollen, wären falsche Ansatzpunkte.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projektes in zwei, drei Jahren?

Andresen:Ich wünsche mir einfach eine Gruppe, die ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Kindern mit und ohne Handicap hat.  Die Struktur finde ich so, wie sie ist, bereits sehr gut.

Naujeck:Ich wünsche mir, dann immer noch die gleiche Freude zu empfinden wie jetzt. Das ist nicht mehr steigerungsfähig. Es macht einfach Spaß.